schnalle

Schnalle hat kurze, vollkornmehlblonde Haare mit viel Gel-einlage. Sie raucht eine Zigarette nach der Anderen. Außer zuhause wenn sie alleine ist. Dann nicht.
Meistens ist sie aber auch garnicht zuhause. Sie ist im Fitness Studio, in der gemischten Sauna, im Schwimmbad oder joggt im Stadtpark. Allein mit ihren zwei 0,5kg Hanteln.
Schnalle ist schlank, wenn nicht sogar ziemlich sehnig. Man sieht die Hüftknochen durch die enge, glänzende, schwarze Sporthose glotzen, dazwischen ein kleiner kugeliger aber dünner Bauch. Der Po ist flach und leicht hängend. Die Brüste sind flach, sehen leer und schlauchig aus. Warscheinlich braungebrannt und etwas schrumpelig. Ihre Wangen sind eingefallen. Vielleicht vom rauchen. Vielleicht vom fasten. Oder vielleicht auch von beidem.

Schnalle macht aber nicht nur Sport.
Sie arbeitet auch, fährt viel mit öffentlichen Verkehrsmitteln und geht jeden Tag ihren Apfel, die Banane, die Kivi und Abendessen einkaufen. Alle zwei Tage einen Kasten Wasser und eine Packung Knäckebrot.

Arbeiten tut sie auch. Sie ist auf den ersten Blich sehr still, hat selten Leute um sich, die sie kennen oder mit ihr sprechen. Wenn sie sich unterhält, dann Meistens über Sport oder Ernährung oder sonstigen Nonsens. Viele Menschen langweilt das auf die dauer. Bis auf die eine Freundin, die ihr noch geblieben ist. Fünfundzwanzig Jahre kennen sie sich.

Sie erscheint einem manchmal ein bisschen stupide.
Obgleich sie perfekt gesylt aussieht, immer gleich. Puppenähnlich. Keine Schminke am falschen platz. Keine Falte in der Hose die dort nicht sein soll. Wenn doch, fühlt sie sich unwohl. Sonnenstudiobraun gebrannt. Muskulös. Aber eine seltsam kindliche Figur. Kalt wirkt sie. Immer der gleiche Gesichtsausdruck, immer die selbe Laune.

Die Schnalle hat eigentlich auch einen Namen. Sie ist 49 Jahre alt und hat ihren Mädchennamen wieder angenommen. Sie ist geschieden. Ihr Mann hat eine neue Flamme. Eine süße, junge Schnecke - und dazu noch eine von Schnalles Bekanntenkreis. Aber sie ist nicht sauer auf das Mädchen. Auch der Ex kann ja eigentlich nichts dazu. Sie war ja selber Schuld, dass er ging. Sie sah ja damals lange nicht so aus wie heute.

Manchmal trifft sie sich mit ihrer Freundin. Dann gehen sie zusamen in ein Café, auf Ü 30 Parties oder in Bars und trinken Cocktails. Cocktails nur ohne sahnige Dinge, ohne Milch. Kaffee nur mit Milch und Schaum, wenn es nicht ein Espresso ist. Meistens trinkt Schnalle Rotwein.
Ihre Freundin heißt Bärbel. Bärbel sieht recht gut aus. Schnalle verachtet sie ein wenig wegen ihrer Figur. Bärbel ist nicht dünn. Bärbel ist "normal". Natürlich sagt Schnalle ihr diese Missbilligung nicht.

Wenn sie also zusammen in einem Café sitzen, dann reden sie über ziemlich alles. Sie lachen recht viel. Zu Beginn des Abends geht alles noch recht leise zu. Später wird Schnalle immer lauter. Der Wein macht ihren Kopf schwer, ihre Seele auch und ihre Stimme lauter. Schnalle und Bärbel reden am Anfang über die Arbeit, über neue Machos, und wirkliche Männer, über Schönheit und Fitness.

Später, wenn das Lachen lauter wird, die Seele schwerer, wird auch das Reden tiefer. Fast jedes mal platzt es aus Schnalle heraus.

Einer von beiden spricht über ihren Ex. Und dann geschieht es. Sie wird lauter, lacht lauter. Sie kreischt beinahe. Sie lacht aus vollster Seele. Und jedesmal hat Bärbel angst, dass Schnalle gleich einen Molotov Cocktail aus ihrer kleinen Markentasche zieht, aufspringt und das ganze Café bedrohend ankreischt, sie werde gleich alles in die Luft sprängen.
Doch bis jetzt kam das noch nie vor.

Nach solchen Abenden bringt Bärbel Schnalle nachhause. Schnalle zieht sich um, soweit es noch geht, setzt sich auf ihr französisches Doppelbett, in dem ihr Ex noch schlief, und starrt die Wand an. Schnalle starrt Löcher in die weiße, von der Nacht verdunkelten Wand bis ihre Augen anfangen zu brennen und sie weint. Ihre Augen weinen, doch ihre Seele kann nicht.
Nach diesen Abenden macht Schnalle kein Auge zu bis ca fünf Uhr. Dann schläft sie zwei Stunden um wieder aufzustehen und ins Büro zu gehen.

Und alles ist vergessen.
Sie raucht und raucht und denkt nicht, lächelt jeden, wie immer, an, der ihr entgegentritt, wärend sie die Treppen zum Büro aufsteigt, wenn sie sie wieder herunter steigt. Sie raucht und denkt nicht, wenn sie den achten Stock des 14-Stöckigen Hochhauses betritt. Sie schaut das Geländer herunter, raucht, geht weiter. Denkt nicht.
Bis in den 14. Stock. Dort wo das auf sie wartet, was sie wollte, seit ihr Ex die Neue hat. Der gehasste Ex und die gehasste Bekannte. So lange nicht eingestanden, so lange die Dürre gegessen.

Sie steht am Geländer, raucht.
Steht auf der Geländermauer und nimmt einen tiefen Zug. Sie schmeißt die Zigarette weg.
Sie steht da, schaut den Himmel an, denkt nicht.
Sie springt.
Sie denkt: "Möge er ein noch beschisseneres Ende finden.", bevor sie aufklatscht.

8.4.06 18:40

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