rot

Ein roter Mantel huscht lautlos die dunkle Straße entlang. Es ist kalt und freucht, hat den ganzen Tag geregnet und schließlich aufgehört.
Der Mantel ist etwas speckig, die Ärmel und Taschenränder gräulich verfärbt und man kann sehen, dass er mal mehr Form hatte, mal recht nett gewesen sein musste.
Unter der Kapuze des Mantels steckt ein schreckhaftes, mageres Männergesicht. Es passt nicht zum Mantel. Der Mantel gehört einer Frau an den Leib, keinem Mann.
Der Mann unter der Kapuze ist ebenso speckig wie der Mantel. Fast noch speckiger, was den Mantel ebenfalls nicht zu dem Mann passen lässt.
Der Mann hat nichts dabei. Keine Tasche, keinen Rücksack, keine Tüten - nur den Mantel an, eine weite, ehemals dunkelblaue Hose und darunter ehemals weiße Turnschuhe. Die Taschen sind mit irgendetwas vollgestopft.
Zigaretten, Müll, Kleingeld oder Essensreste aus der Mülltonne?
Der Mann läuft durch einen kleinen Park mitten in der Stadt. Er schaut sich andauernd um, scheint Angst zu haben. Er geht auf die Bücherei zu, bleibt an der Telefonzelle stehen, schaut sich um, geht hinein.
Nach einigem wühlen in den Manteltaschen hat er anscheinend genug Kleingeld um telefonieren zu können. Er schmeißt das Geld in den dafür vorgesehenen Schlitz und hebt den Hörer ab. Er sieht sich um, entscheidet sich mit dem Rücken zum Telefon zu stehen, um seine Umgebung im Auge zu haben. Er hat Angst. Seine Augen sagen, dass er Angst hat, sie schreien es beinahe.
An der anderen Seite der Leitung scheint keiner ran zu gehen. Er hängt den Hörer kurz ein, ohne ihn aus der Hand zu legen, hebt ihn wieder ab und wählt erneut. Eine neue Nummer, denn er drückt nicht die Wahlwiederholung.
Der kleine, dünne Mann mit der Angst scheint am Telefon etwas zu hören, was ihm Angst macht. Seine Augen weiten sich, sein Mund bewegt sich und sein Kehlkopf vibriert um ein zaghaftes "Hallo?" zu formulieren.
Er scheint nicht die Antwort zu bekommen, die er bekommen wollte. Er hält den Hörer noch kurz am Ohr, hält ihn dann etwas weiter weg und schaut ihn an. Er schaut verschreckt, der Mann mit dem roten Mantel. Er schaut den pinkgrauen Hörer an, als könne der ihm sagen, was das eben war in seinem Ohr, als könne der Hörer ihn beruhigen oder als frage er sich zumindest auch, was das eben war. Diese Geräusche, die nicht hingehörten, wo sie herkamen.
Der Mann zog die Kapuze wieder fest auf den Kopf, damit der leichte Wind draußen sie nicht wegpustete. Er steckte die Hände tief in die Manteltaschen, die dadurch endgültig voll waren, um sich zu wärmen und aus Angst, wahrscheinlich. Er stemmte sich mit seinem Armlosen Körper gegen die Telefonzellentür, trat heraus und stellte sich in den kalten, düsteren Nachtnebel.
Er sah immernoch verwirrt aus, verschreckt, geradezu bemittleidenswert.
Als hätte er gerade den einzigen Menschen, der ihm noch lieb geblieben war, mit seinem letzten Groschen angerufen, und gehört, wie er am Telefon starb.

Der kleine, dünne Mann mit dem unpassenden Mantel dreht sich suchend um, findet, was er will und stellt sich in eine schattige Ecke. Zum beobachten wohl.
Nach ein paar Minuten kommt ein anderer Mann. Ein großer Mann mit hässlicher, ebenfalls speckiger, kakhigrüner Bomberjacke. Die Männer sehen sich an, der rote Mantel nickt dem kakhi Bomber zu, tritt aus seinem Schatten. Sein Gesicht ist ganz plötzlich hart geworden. Die Angst ist weg. Er reicht dem Bomber etwas, nimmt etwas an, nickt, und dreht sich um.
Kakhi verschwindet, der rote Mantel schaut noch einmal in den Himmel und wieder blicken traurige Augen aus dem dürren Gesicht.

Hatte er beim Telefonieren vielleicht doch bei zwei Anschlüssen jemanden mehr oder weniger erreicht und Dinge gehört, die er nicht hören wollte?

1.3.08 13:24

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